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Das alte Sofa

Das alte Sofa

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

Als Alexander heute aus dem Kindergarten kam, sah er es. Es stand einfach so herum an der Strasse, das alte Sofa. Es war wirklich alt, ein Bein fehlte, so stand es sogar schief, und dann der Stoff, ja bunt war er, sehr bunt, ob er allerdings immer so bunt gewesen war, konnte man nicht mehr erkennen. Und eine Armlehne war kaputt, sie hing ein wenig nach unten. Alexander schaute das alte Sofa lange an: „Warum steht da ein Sofa an der Strasse?“ fragte er seine Mutter. „Hm“, meinte Svenja, das hat wohl jemand da abgestellt, der es nicht mehr brauchen konnte, vielleicht soll es ja abgeholt werden, zur Müllverbrennung.“

Am nächsten Tag hatte Alexander das alte Sofa fast vergessen, doch als er vom Kindergarten kam, er traute seinen Augen kaum, da saß doch der kleine Mann von nebenan auf dem Sofa, an der Strasse, einfach so. Er hatte wie immer seine gelbe Schirmmütze an und lächelte, als Alexander kam. „Ich bin jetzt wieder gesund“, sagte er. „Hier ist Dein Buch zurück.“ Und er reichte Alexander das Buch rüber. „Ich kann verstehen, dass es Dein Lieblingsbuch ist, ich habe viel darin gelesen, als ich nicht laufen konnte, besonders die Geschichten von all den Dingen, die man nicht sehen kann, haben mit gut gefallen.“ Alexander lächelte, schön, dass es noch mehr Menschen gab, die von den Dingen wussten, die man nicht sehen kann, von den wirklich wichtigen.

Am nächsten Tag saß der kleine Mann schon wieder auf dem Sofa an der Strasse, und Alexander fragte ihn: „Ist das Dein Sofa?“ „Nein“, antwortete der kleine Mann, „es steht nur fast vor meinem Haus, ich weiß nicht, wer es da hingestellt hat, aber ist doch eigentlich praktisch, so ein Sofa an der Straße, oder?“ Darüber hatte Alexander noch nicht nachgedacht. „Du kannst es ja heute Nachmittag mal ausprobieren, vielleicht hat das Sofa auch eine Geschichte zu erzählen, oft schreibt das Leben selbst ja die besten Geschichten.“ „Ich frage meine Mutter, und vielleicht komme ich nachher“, antwortete Alexander.

Und Svenja erlaubte es ihm. So ging Alexander am Nachmittag zu dem alten Sofa an der Strasse mit dem kleinen Mann drauf. Alexander setzte sich neben ihn und fühlte sich ein wenig abenteuerlustig. Alle Leute, die vorüber kamen konnten sie ja sehen, und einige schüttelten verwundert den Kopf und gingen weiter. Doch Alexander ließ sich nicht beirren und fragte den kleinen Mann: „Du hast was von der Geschichte gesagt, von dem Sofa, was meinst Du damit?“ Der kleine Mann lächelte. „Wir können uns doch einfach etwas ausdenken, was dieses alte Sofa alles erlebt hat, magst Du?“ „Klar, wie geht das?“ wollte Alexander wissen. „Ich spreche so, als wäre ich das Sofa und erzähle aus meinem Leben. Am besten machst Du dabei die Augen zu, Geschichten kann man nämlich besser nur mit den Ohren hören und sehen. Okay?“ Alexander war einverstanden. Er wickelte seinen grünen Schal noch einmal um den Hals, zog die Beine an und machte es sich so richtig gemütlich, sogar den Kopf konnte er noch anlehnen. Und der kleine Mann begann die Geschichte des Sofas:

„Als ich noch ganz jung war, ich meine, gerade zusammengebaut, habe ich eine lange Reise gemacht in einem dunklen Lastwagen. Ordentlich gerumpelt hat es manchmal, und ich wurde ein wenig hin und her geschoben. Endlich, am Ende der Reise wurde ich in ein großes Kaufhaus gebracht, direkt in ein Schaufenster. Ein Mann stach mir in die Lehne, und ein Schild mit ein paar Zahlen drauf wurde an mir befestigt. Das war ein guter Platz da im Schaufenster der großen Stadt, ich konnte all die Menschen sehen, und sie konnten mich sehen. Manche drückten sich die Nase platt an der Schaufensterscheibe, um mich besser sehen zu können.
Ich kam mir ganz wichtig und bedeutend vor.

Und dann geschah es. Eines Tages kam ein kleines Mädchen mit roten Locken und setzte sich auf mich, endlich durfte ich das tun, wozu ich da war, einem Menschen einen Platz anbieten. Und dann noch so einem netten Menschen. Das Mädchen schmiegte sich so richtig in mein kuscheliges Polster, lehnte sich an und sagte: „Das ist schön.“ Und ich hatte Glück, kurz darauf wurde mir das Schild abgenommen, ich ging wieder auf Reisen und landete in der Wohnung des kleinen Mädchens.

Dort lebte ich ein richtiges Sofaleben. Zuerst wurde ich bewundert und oft gestreichelt, jeder wollte auf mir sitzen. Kleine Kinder sprangen sogar auf mir herum, zum Glück sind meine Federn dazu geeignet. Doch bald war ich ein Möbelstück wie jedes Andere. Niemand sprach mehr über mich, es sei denn, ich bekam einen Fleck. Und das kam in Laufe der Zeit immer häufiger vor. Zuerst war es ein Klecks Tinte von dem kleinen Mädchen, sie hat sogar danach geweint. Dann war es Kakao, dann Wodka und Limonade und sogar Lippenstift und noch viel, viel mehr.

 Mit der Zeit bin ich sehr alt geworden, bei einem Streit habe ich sogar ein Bein verloren, ja, es haben sogar Menschen auf mir gestritten, manche waren wütend, manche traurig, manche lustig, doch ich habe nie vergessen, was meine Aufgabe ist, egal wie ich mich fühle, und so mache ich es auch heute noch, als ich da, wo ich war, nutzlos geworden bin, und jetzt hier auf der Straße stehe zum Abholen für die Müllverbrennung: Ich biete jedem Menschen einen Platz an.“

Der kleine Mann hatte aufgehört zu sprechen. Alexander machte die Augen auf. Um das alte Sofa herum standen einige Kinder und sogar ein paar Erwachsene, die die Sofageschichte mitgehört hatten. „Das wäre schön“, sagte der kleine Mann noch, „wenn wir das auch könnten, was dieses alte Sofa kann, jedem Menschen einen Platz anbieten.“

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht gingen die Menschen nach Hause, auch Alexander. Und als das alte Sofa am nächsten Tag verschwunden war, so hatte doch Alexander nicht vergessen, wie schön kuschelig es sein konnte, wenn man einen Platz angeboten bekam und einen Menschen an seiner Seite hatte.

 

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