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(Geschichte von Claus Holst, mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Gestern war das Wetter endlich einmal wieder schön und wir nutzten die Gelegenheit einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Die Kinder stromern ja immer gerne. Meine Frau hält sich da schon lieber an die Fußwege und Straßen. Also musste ich, wie so oft, einen Kompromiss finden, so dass für jeden etwas dabei war! Hinter den Bahnschienen ging es dann auch gleich quer über das Gelände unseres alten Rangierbahnhofes, verbotenerweise zwar, aber gerade das macht einen Spaziergang zum Abenteuer. Über Gleise hinweg, auf Schwellen entlang, durch die Büsche... es war sehr aufregend. Während die Kinder Steine und Stöckchen suchten und wieder wegwarfen, ihrer Fantasie so richtig freien Lauf ließen, ohne auf Autos, Radfahrer oder den Standort der nächsten Eisdiele achten zu müssen, dachte ich daran, dass ich hier zwischen diesen alten Gleisen vor langer Zeit einmal zwei alte Fahrradrahmen gefunden hatte, aus denen dann in mühevoller Kleinarbeit unser Tandem entstand. Aber das ist eine andere Geschichte...
Unser Großer kam auf mich zugelaufen und fragte, ob wir den Opa mal besuchen wollen? Wir gingen also auf den Schienen weiter, bis wir an einen alten, aufgebockten Bauwagen kamen.
Früher, als ich immer allein hier herumstromerte, saß oft ein alter Mann hier und hantierte herum. Er hatte sogar ein Telefon in seinem Wagen. Ich kam nie dahinter, was er da eigentlich machte und zu welcher Firma er gehörte. Aber es war schön, sich mit ihm zu unterhalten. Denn obwohl er immer irgendetwas zu tun hatte, war er stets freundlich und wir verplauderten manche Stunde. Das ist schon lange her... Ich erzählte unserem Großen oft davon, wenn wir zusammen unterwegs waren. Und so kommt es immer wieder einmal vor, dass er mich fragt, ob wir den Opa besuchen wollen. Kennen gelernt hat er ihn nie. Wer weiß, was aus dem alten Mann geworden ist? Ich habe ihn schon jahrelang nicht mehr gesehen.
Das ist einer der Gründe, warum wir so viel wandern: man denkt an Geschichten, die das Leben in einer so kleinen Stadt schreibt. Es gibt viele Erlebnisse und Begebenheiten, die einfach vergessen werden, weil sie zwar schön, aber nicht wichtig waren. Was bleibt, ist eine Erinnerung, eine Geschichte für die Kinder.
Unser Großer wird noch oft nach dem Opa fragen, und wir werden wohl noch oft an eine schon seit langem verschlossene Tür klopfen, auf deren Stufen Moos wächst. Und dennoch haben wir in unserer Fantasie den Opa an der Bahn besucht.
Wir gingen dann an der Weser entlang zur Stadt. Ich aber dachte, wie langweilig ist doch so ein Spaziergang durch die Stadt, wenn man gerade durch die eigene Vergangenheit gewandert ist!
Und vielleicht warte ich schon jetzt darauf, dass mein Großer mich fragt:
„Wollen wir mal den Opa an der Bahn besuchen?” |