
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
Am nächsten Wochenende wollten Alexander und seine Mutter Svenja Onkel Wolodimir besuchen, Ja, er heißt so komisch, er wohnt schließlich auch in Russland, und da gibt es manchmal andere Namen als in Deutschland. Onkel Wolodimir lebte in einem Dorf ganz weit weg, man musste drei Stunden lang mit dem Bus dorthin reisen. Ja, es war wirklich eine Reise, sie wollten auch bis Sonntag dableiben und erst am Abend zurückkommen.
Und wie das so ist bei einer langen Reise, da muss man ein bisschen Gepäck mitnehmen, und Proviant natürlich. Und dann nahm Svenja noch einen dicken Zettelblock mit, mit ganz vielen bunten Zetteln.
„Was machen wir denn damit?“ wollte Alexander wissen. „Die brauchen wir für ein Spiel“, antwortete Svenja, „damit uns nicht so langweilig wird.“ „Und wie geht das Spiel?“ fragte Alexander. „Ich bin schon einmal mit dem Bus gefahren, auch so lange“ erklärte Svenja, „und da ist mir aufgefallen, viele Menschen steigen ein und aus, und viele Menschen reisen alleine, und ich bin mir sicher, dass sie gerne mal mit jemandem sprechen würden, aber sie trauen sich nicht, jemanden anzusprechen, und mit dem Spiel helfen wir ihnen ein bisschen.“ Alexander konnte sich das Spiel immer noch nicht so richtig vorstellen, aber er war neugierig geworden auf die lange Busfahrt. Er sah noch, wie seine Mutter die Zettel vorbereitete, indem sie etwas darauf schrieb.
Endlich war Samstag, und die lange Reise zu Onkel Wolodimir konnte losgehen. Sie stiegen ein, und Alexander setzte sich natürlich gleich ans Fenster. Ja, mit ihnen stiegen noch viele andere Leute ein, die meisten schienen niemanden zu kennen. Bald kam die erste Haltestelle.
„Zeit für unser Spiel“ meinte Sonja, sie stand auf und gab allen Leuten, die aussteigen wollten einen von ihren Zetteln. Alexander schaute nun eifrig durchs Fenster, um genau zu sehen, was jetzt geschah, Die Leute stiegen aus und lasen offensichtlich den Zettel, dann schauten sie sich erstaunt um, und viele gingen aufeinander zu. Sie zeigten sich ihre Zettel, kamen darüber ins Gespräch und verließen zu zweit oder auch mal zu dritt die Haltestelle.
Alexander konnte das Spiel immer noch nicht verstehen. Seine Mutter lachte. „Schau genau hin“, sagte sie. Bald kam die nächste Haltestelle. Wieder stiegen einige Leute ein und denen, die ausstiegen, gab seine Mutter einen Zettel. Wieder schauten sich die Leute erstaunt den Zettel an, manche schienen sich sogar zu freuen, sie gingen mit einem Lächeln auf einen anderen Menschen zu, zeigten sich ihre Zettel, einige lachten darüber, und sie gingen gemeinsam weg.
„Wie geht das?“ wollte Alexander jetzt endlich wissen, „erst sind die Leute alleine, und dann lesen sie den Zettel, und dann gehen sie plötzlich zusammen weg, sie kannten sich doch vorher gar nicht.“ „Gut“, meinte Svenja, „ich will Dir das Geheimnis dieses Spiels verraten, es steht auf dem Zettel. Also, auf dem Zettel steht geschrieben: „Ein netter Mensch will Sie kennen lernen, er wird sie nach dem Aussteigen aus dem Bus anschauen.“
„Das ist alles?“ Alexander wunderte sich. Doch jetzt hatte er Lust, das Spiel mitzuspielen, er verteilte die Zettel genauso wie seine Mutter. Die lange Busfahrt war gar nicht mehr lang.
In der Nacht bei Onkel Wolodimir träumte Alexander von vielen bunten Zetteln, er freute sich schon auf die Rückfahrt. |