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Chaos im Kinderzimmer

Chaos im Kinderzimmer

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

„Ach du meine Güte, sieht das hier aus.“ Svenja warf einen besorgten Blick in Alexanders Kinderzimmer. Stimmt, er hatte schon lange nicht mehr aufgeräumt, wie lange wusste er schon nicht mehr so genau. Aber bis jetzt hatte er noch alles wieder gefunden, na ja, die wichtigen Sachen jedenfalls. Und manchmal mit ein bisschen Suchen, auch schon mal ein längeres bisschen. Aber Platz war doch noch da zum Spielen, zum Beispiel auf dem Bett oder im Schrank, weil der leer war, und malen konnte er doch auch mal an den Wänden, oder? Aber das alles sagte er nicht laut, nein, er dachte es sich nur.

„Ist doch gemütlich, oder?“ Fast hätte er sich bei dieser Frage auf die Zunge gebissen, nein gemütlich fand er es ja selber nicht, aber er hatte einfach keine Lust gehabt zum Aufräumen, es war einfach zu viel.
„Wenn Du das gemütlich nennst, brauch ich Dir ja nicht beim Aufräumen helfen“, kommentierte Svenja. „Nein, eh, so mein ich das doch nicht“, sie hatte was von helfen gesagt, das konnte er doch gut gebrauchen, überlegte Alexander. “Hilfst Du mir wirklich?“ „Ja, morgen nach dem Mittagessen fangen wir an, einverstanden?“ Klar war er das. “Vielleicht ist es auch gut, wenn Du Dich von ein paar Sachen trennst, die Du nicht mehr brauchst“, fügte Svenja noch hinzu.

Und am nächsten Tag fing Svenja wie so oft mit einer Erklärung an. Hoffentlich redet sie nicht so lange, ich will lieber spielen, dachte Alexander noch.

„Es ist wichtig, dass alles, was Du besitzt“, erklärte  Svenja, „einen Wert für dich hat.“ „Du meinst, dass ich alles lieb habe oder so?“ fragte Alexander. „Ja, dass du es gern hast, oder es einfach brauchen kannst und deswegen gern hast.“

„Aber meine kratzigen Handschuhe habe ich gar nicht gern“, sagte Alexander. „Dann geh doch morgen mal ohne sie raus bei der Kälte“, schlug Svenja vor. „Nein, nein, da krieg ich ja Eisfinger, aber ich weiß jetzt, was Du meinst, die kann ich eben brauchen und deswegen trotzdem gern haben. Geht’s jetzt los?“

„Ja“, sagte Svenja, „ich schlage vor, wir spielen jetzt das Reisespiel. Wir schauen uns Deine Sachen an, und alles was Du gern hast oder gebrauchen kannst, darf zu Hause bleiben, alles andere schicken wir auf Reisen.“ „Auf welche Reise?“  Alexander wollte es mal wieder ganz genau wissen. „Zum Beispiel diese zerknüllten Gemälde da von Dir, die reisen in die Mülltonne und dann zur Müllverbrennung.“ „Und das kaputte Auto auch?“ fragte Alexander. „Klar“, war Svenjas kurze Antwort.

Es dauerte ein bisschen, ein längeres bisschen, bis Alexander das Spiel gefiel. Seine Mutter musste ihm helfen, sich Reiseziele für die Sachen auszudenken, die er nicht mehr gebrauchen konnte. Ein paar Spielsachen
sollten zu Svens kleiner Schwester reisen. Ein paar Kleidungsstücke verreisten einfach in eine blaue Tüte, die seine Mutter dann irgendwohin bringen wollte, und ein paar Sachen mussten weiter weg zu einem Markt reisen, wo Leute gebrauchte Sachen kaufen.

 Bald waren sie fertig, da lag noch der grüne Pulli. „Was ist mit dem?“ fragte Svenja. „Der soll auch verreisen, der war doch auch ganz billig, oder?“ „Tja“, seufzte Svenja, „den hätte ich gar nicht kaufen sollen.“ „Wieso nicht?“ fragte  Alexander, „ein paar mal hab ich ihn doch angehabt.“ „Billige Sachen haben es oft schwer, ein richtiges Zuhause zu finden, sie müssen oft verreisen.“  „Wieso? wollte Alexander wissen.„Nun, Menschen überlegen es sich nicht so lange, ob sie dafür Geld ausgeben, weil es eben billig ist, da kaufen sie schneller und behalten die Sachen auch nicht lange, so müssen billige Sachen eben oft reisen.“

„Schade“, meinte Alexander, „aber wie ist das, wenn Du was geschenkt kriegst, das kostet doch gar nichts oder?“ „Und ich hab es mir nicht ausgesucht oder gewünscht“, ergänzte Svenja. „Das erzähl ich Dir. Wenn mich ein Geschenk erreicht, dann fühle ich, ob es auch mein Herz erreicht, ob ich es also gern haben kann, oder brauchen kann, und wenn nicht, dann geht es auf Reisen.“ „So wie die Keksdose neulich in die Mülltonne gereist ist?“ „Ja, sie waren schlecht geworden, sicher hatten sie schon viele Reisen hinter sich.“

Endlich hatten sie alle Sachen, die Alexander hatte, durchgesehen. Jetzt konnte er endlich seinen Schrank und sein Regal neu einräumen. Svenja hatte es saubergemacht, und das Einräumen machte ihm jetzt sogar Spaß.

Da fiel ihm noch ein Frage ein: „Ist es wichtig, dass alle Menschen nur Sachen haben, die sie gern haben?“ „Aber klar, sagte Svenja“, sonst besitzen sie nicht ihre Sachen, sondern ihre Sachen besitzen sie.“ “Wie, was?“ Alexander verstand schon wieder nichts mehr. „Ist doch ganz einfach“, meinte Svenja, „stell Dir vor, du hast einen Schrank mit lauter Sachen, die Du nicht magst, der steht nun in Deinem Zimmer. „Ja und?“
Alexander schaute fragend zu seiner Mutter. “Na, da, wo der Schrank steht, könnte doch auch ein Freund von Dir sitzen, oder ein schönes Auto stehen, oder ein buntes Bild hängen, also Dinge, die du magst, und weil der Schrank da steht, geschieht das eben alles nicht.“ „Ach so“ sagte Alexander, „alles klar“, und er hatte beim Einräumen plötzlich den Eindruck, dass alle seine Sachen ganz wichtig waren, jedenfalls hatte er sie alle gern, und das war ein schönes Gefühl, irgendwie.

 

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