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Der Tag mit dem Erdbeben

Der Tag mit dem Erdebeben

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

Heute holte Alexander seine Mutter von der Bushaltestelle ab. Er hatte den Nachmittag bei seinem Freund Sven verbracht und wusste genau, mit welchem Bus seine Mutter aus der großen Stadt zurückkam. Da war er auch schon, der Bus. Svenja stieg aus mit einer großen Einkaufstasche, sie sah ein wenig müde aus. Alexander fasste sogleich an der Tasche an, um sie mit zu tragen. „Das ist aber lieb von Dir“, freute sich Svenja, „ich
meine, dass Du mich abholst, und auch noch beim Tragen hilfst, danke.“

„Ich wollte nicht mehr länger bei Sven bleiben“, berichtete Alexander,
„wenn das Erdbeben auch zu uns kommt, will ich lieber bei Dir sein.“
„Das Erdbeben?“ fragte Svenja. „Ja, bei Sven war das Fernsehen an, Svens Mutter hat da was gesehen, und plötzlich fing sie ein bisschen an zu weinen und hat immer `oh je` gesagt, oder so ähnlich. Dann hat Sven sie gefragt, was los ist, und dann hat sie uns im Fernsehen was gezeigt. Da war ganz viel Erde, und Steine, und kaputte Häuser. Menschen haben gegraben, und einmal war da eine Hand, die aus der Erde rausguckte. Sie hat uns erklärt, dass da ein Erdbeben war in einem anderen Land, und dass da ganz viele Menschen gestorben sind.“ „Das Wort sterben mag ich nicht“, antwortete Svenja, „ich habe in der Stadt auch davon gehört, von diesem Erdbeben, und ich kann verstehen, dass Svens Mutter traurig war, doch jetzt lass uns erst mal reingehen und die Tasche auspacken, dann reden wir weiter.“

Inzwischen waren sie an der Haustür angekommen, und Alexander durfte aufschließen, das hatte er gerade kurz vorher gelernt, der Schlüssel mit dem roten Ring passte zur Haustür, der ohne Ring zur Wohnungstür. Dann durfte Alexander die Tasche auspacken, es waren lauter Lebensmittel darin, und er half seiner Mutter beim Einräumen in den Schrank und in den Kühlschrank. „Ich glaube nicht, dass das Erdbeben auch zu uns kommt“, meinte Svenja, “es war in einem Land ganz weit weg.“ „Und warum magst Du das Wort „sterben“ nicht?“ wollte Alexander wissen.

„Ich spreche lieber davon, dass die Menschen ihren Körper verlassen, schließlich stirbt nur der Körper und nicht die Seele.“ „Ach wegen der zwei Körper, die jeder Mensch hat, wie Du mir mal erklärt hast?“ fragte Alexander. „Ja, genau, wenn der Körper tot ist, lebt die Seele immer noch weiter, sie trennt sich nur vom Körper.“ „Und bist Du dann nicht traurig, wenn ein Erdbeben kommt, oder sonst was, und die Menschen dann tot sind?“ wollte Alexander wissen. „Doch, das bin ich auch oft“, gab Svenja zu, „doch dann irgendwann geh ich auf mein rosa Sofa, Du weißt schon, das im Herzen, wo ganz viel Liebe ist, und dann wünsche ich diesen Menschenseelen eine gute Reise. „Eine gute Reise?“ fragte Alexander ungläubig, „ wieso?“

„Oh, wie soll ich Dir das nur erklären?“ stöhnte Svenja, “sie sind dann in anderen Bereichen, die wir uns nicht gut vorstellen können. Ich will es Dir mal am Beispiel von einem Fisch erklären. „Der lebt immer im Wasser“, wusste Alexander. „ Ja, genau“, fuhr Svenja fort. „Er kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie das Leben ohne Wasser wäre, er kennt keine Wiese, keine Blume, keinen Baum, und all die Sachen überhaupt nicht, das sind andere Bereiche, die er nicht kennt. Und so kommt der Mensch ohne seinen Körper auch in andere Bereiche, die er nicht kennt, solange er noch diesen Körper hat. „Du meinst, da wo Dunjas Oma auch jetzt ist?“ „Ja, genau, da habe ich es Dir schon einmal erklärt.“ „Dunja meint, dass ihre Oma es jetzt ganz gut hat, und weil sie keinen Körper mehr hat, hat sie auch keine Schmerzen mehr in den Beinen, wie vorher, ist doch praktisch, oder?“ „Ja, da hast Du recht, doch jetzt lass uns schlafen gehen, ich bin sehr müde.“

Am nächsten Morgen kamen Svenja und Alexander auf dem Weg zum Kindergarten an einem Hasen vorbei, der gerade von einem Auto überfahren worden war, er atmete nicht mehr. Alexander drückte die Hand seiner Mutter und blieb einen Moment stehen. Er schloss die Augen und sagte dann ganz leise: „Lieber Hase, gute Reise.“

 

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