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Die faltige Frau

Die faltige Frau

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

„Meine Güte, das waren Falten, so und so und so“, Alexander malte mit dem Zeigefinger Striche in die Luft. „Wo waren so viele Falten?“ Svenja  wusste nicht, was ihr Sohn meinte. „Na, bei der alten Frau, die ich gerade beim Bäcker getroffen habe“, antwortete Alexander.

Er war, wie immer am Samstagmorgen alleine zum Bäcker gegangen. Die Kekse waren alle, und so durfte er nicht nur Brot, sondern auch neue Kekse kaufen, die mit der Schokolade dran natürlich, die leckeren. „Die Frau habe ich noch nie gesehen, und überhaupt, so viele Falten auch noch nie. Warum hat sie die?“ „Bestimmt ist sie schon sehr alt“, versuchte Svenja es ihm zu erklären. „Alte Menschen haben in ihrem Leben schon viele Erfahrungen gemacht, gute und weniger gute und die hinterlassen Spuren, manchmal mehr innen und manchmal mehr außen, da kann man sie sehen, wie die Falten.“ „Und die mehr innen?“ fragte Alexander weiter. „Das spürst Du schon am Verhalten eines Menschen, da gibt es weiche und harte Spuren..ach, von wegen Spuren, wolltest Du nicht heute die Holzeisenbahn aufbauen, die Sven Dir geliehen hat?“

Die hatte Alexander glatt vergessen bei all dem Gerede über Falten und so. Gestern hatte Sven sie ihm geliehen, seine Holzeisenbahn mit ganz vielen Schienen und drei Loks. Ja, die wollte er unbedingt aufbauen, Montag wollte Sven sie schon wieder abholen, weil er da zurück war von einem Wochenende bei seiner Oma.

Vier Kisten voller Schienen standen im Flur, oh je, da musste er ja erst noch sein Zimmer aufräumen, sonst hatte er gar keinen Platz. Das ging heute besonders schnell, da er auch schnell die Eisenbahn aufbauen wollte. Aber schon bald wusste er nicht mehr weiter, wie musste er wohl die Weichen einbauen, damit die Loks auch in jedem Kreis fahren konnten?

Zum Glück hatte Svenja Zeit, ihm zu helfen. Schon bald entstand eine riesige Bahn mit vielen verschiedenen Kreisen und Schleifen. Endlich war es soweit, Alexander setzte die erste Lok, sie war strahlend rot, auf die Schienen und ließ sie fahren. „Die Lok bin ich“ rief er, „spiel Du doch auch eine Lok“. „Gut“, Svenja spielte mit, “ich bin die grüne. Und was machen wir mit der hier, mit der blauen? Da blättert ja schon die Farbe ab.“ „Ich hab eine Idee“, meinte Alexander. „Die blaue Lok ist die faltige Frau, Du weißt schon, von heute morgen beim Bäcker.“ „Gut“, Svenja war einverstanden, „dann fahren jetzt alle los.“

„Die rote fährt am schnellsten“, beeilte sich Alexander, „ich kann ja auch am schnellsten laufen“. „Und die blaue, von der alten Frau am langsamsten“, sagte Svenja, sie läuft ja auch bestimmt nicht mehr so schnell. Aber hier sind ja noch eine Menge Wagen, die können wir noch an die Loks dranhängen.“ „aber bei mir höchstens einen“, warf Alexander ein, „sonst bin ich nicht mehr so schnell.“ „Gut, ich nehme drei. Die anderen alle, die hängen wir bei der faltigen Frau an, einverstanden?“ „Klar, die ist ja sowieso so langsam“, antwortete Alexander.

 So ließen sie nun alle drei Züge fahren, Alexanders Zug fuhr am schnellsten, und der Zug mit der blauen Lok, die die faltige Frau war, am langsamsten. „Wie im richtigen Leben sieht das aus, „jeder bewegt sich in seinem eigenen Tempo“, meinte Svenja. „Naja, Tempo ist das ja nicht gerade da bei der blauen Lok“, warf Alexander ein. „Aber sie hat die meisten Wagen, sicher hat sie in ihrem Leben eine Menge Schätze angesammelt.“ „Aber man kann ja gar nicht reingucken in die Wagen“, maulte Alexander, „woher willst Du wissen, ob es Schätze sind?“

„Schätze liegen immer im Verborgenen, das weißt Du doch, die muss man immer suchen und finden“, erklärte Svenja. „Und wie mach ich das, in echt meine ich, zum Beispiel bei der faltigen Frau, wie soll ich wissen, ob sie Schätze hat, wie Du sagst?“ „Ich meine die inneren Schätze“, antwortete Svenja, „und die zu entdecken ist nicht schwer, sie funkeln durch die Augen nach außen, das kannst Du sehen. Wie war das denn heute Morgen, hatte die faltige Frau strahlende, funkelnde Augen?“

„Darauf habe ich nicht geachtet“, musste Alexander zugeben. „Aber wenn ich sie wieder treffe, dann schaue ich genau hin. Dann lade ich sie ein, und dann erzähle ich ihr, dass sie heute unsere blaue Lok war, und dann will ich ihre Schätze entdecken und Du hilfst mir, okay?“ „Okay“, lachte Svenja, „ich freu mich drauf, sie kennen zu lernen.“

 

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