
(Geschichte von Claus Holst, mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Jeder weiß, was „steinreich“ bedeutet. Aber was ist „federreich“?
Seit vielen Jahren arbeite ich in einem Getreidelager. Und genauso lange kommt meine Frau einmal in der Woche, meistens freitags nachmittags, und putzt unser Büro und die Sozialräume. Hin und wieder lässt es sich nicht anders einrichten und sie kommt während der Arbeitszeit. Dann sind unsere beiden Söhne dabei. Obwohl ich vor Jahren schon einmal einen Karton voller alter Eisenbahnloks und -wagen im Büro deponiert habe, womit sie sich die Zeit vertreiben können, ist es für die beiden Buben immer sehr aufregend, mit mir einmal durch die Getreidehallen zu laufen. Am meisten Spaß macht es ihnen, einen Getreideberg hinauf und wieder herunter zu laufen. Sie krabbeln, rutschen, toben und kraxeln, sich überschlagend und gegenseitig wieder hoch helfend und sind sehr ausgelassen dabei. Christopher, der Große, ist acht Jahre alt und kennt schon alle Getreidesorten. Er weiß eine Menge über das Ein- und Auslagern und über die Kühlung und die Pflege des Getreides. Daniel ist sechs Jahre alt. Für ihn ist alles noch ein großes lustiges Spiel. Wenn er sich ausgetobt hat, geht er suchend über die Getreidescheibe und sucht alles, was ihm wertvoll erscheint: Strohhalme (echte), alte ausgedroschene Ähren, Maiskörner und Saubohnen, die als Fremdgetreide in die Partie geraten sind. Saubohnen und Maiskörner sind seine Zauberbohnen. Wir pflanzen sie im Frühjahr im Garten ein und freuen uns darüber, dass sei so schnell wachsen und so groß werden.
Wenn dann die Kraft nachlässt (es ist sehr anstrengend, in losem Getreide zu laufen, weil man so tief einsackt), spielen die beiden auf dem Hof. Da ein Getreidelager viele Vögel anlockt, liegen oft Federn aller Größen und Farben bei uns herum. Meine Kinder mögen Federn, sie streicheln mich damit und freuen sich darüber, wenn ich sage: „Hör auf, das kitzelt!“ Eines Tages kam Daniel ganz aufgeregt mit einem ganzen Strauß Federn in der Hand zu mir und rief freudestrahlend: „Ich bin federreich!“
Seitdem hebe ich jede Feder auf und nehme sie meinem kleinen Jungen mit nach Hause. Heute Morgen habe ich, bevor ich zur Arbeit gegangen bin, jedem eine Feder auf das Frühstücksbrett gelegt. Als ich nach Hause kam, nahm Daniel mich in den Arm und hat sich dafür bedankt. Wie wenig doch nötig ist, um einen kleinen Jungen glücklich zu machen!
Irgendwann wird die Begeisterung über eine kleine Feder verblassen, werden andere Werte in sein Leben treten. Aber ich hoffe, dass er noch sehr lange mit seinem Federreichtum so zufrieden und glücklich ist!
August 1996
|