
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
Alexander langweilte sich. Dabei hatte es zum Mittagessen die ganz langen Spaghettis gegeben, die er doch so gerne mochte. Aber irgendwie konnten die heute seine Laune nicht verbessern. „Keiner hat Zeit heute“, beklagte er sich bei Svenja, „kannst Du was mit mir spielen?“ „Ich will heute einen Brief schreiben an Onkel Wolodimir“, antwortete seine Mutter. „Du musst Dir schon selbst überlegen, was Du tun willst.“ „Das ist es ja gerade, mir fällt nichts ein und überhaupt, alleine will ich nicht spielen“,
maulte Alexander.
„Also gut, lenkte Svenja ein, „reden wir darüber. Du hast also Zeit.“ „Ja, klar doch“, sagte Alexander. „Das ist ja schon mal was, einfach Zeit zu haben, ich meine, eigentlich hat ja jeder Mensch Zeit, nur viele Menschen haben so viele Pläne, dass sie sich dessen gar nicht mehr bewusst sind. Zeit also, und willst Du diese Zeit verschenken oder für Dich nutzen? „Heute will ich sie mal nur für mich haben“, antwortete Alexander. „Gut“ sagte Svenja, „das ist Deine Entscheidung. Willst Du sie in der Äußeren Welt oder in der Inneren Welt verbringen?“ Das hatte Alexander mal wieder glatt vergessen, die Möglichkeit der Inneren Welt. Dann probier ich`s mit der Inneren Welt, okay.“
Seine Stimmung verbesserte sich, mal sehn, was es da heute zu entdecken gab. Er ging in sein Kinderzimmer und setzte sich hin. „Ich komme in 20 Minuten wieder rein“, sagte Svenja, „dann können wir darüber sprechen, „solange brauche ich noch für meinen Brief.“ Svenja gab ihm die Ohrenschützer, damit er wirklich nichts mehr von der äußeren Welt hörte und verband ihm die Augen. Dann begab sie sich wieder an ihren Brief.
Alexander wartete. Seine Gedanken flitzten zum Kindergarten, und er schaute sich alles noch einmal an, was er heute erlebt hatte. Dunja hatte eine Hand bunt angemalt, er lächelte, als er daran dachte, was wohl ihre Mutter dazu sagen würde. Verschiedene Spiele vom Vormittag fielen ihm ein, doch damit wollte er sich nun nicht länger beschäftigen. Was gab es denn eigentlich noch zu entdecken in der Inneren Welt? Warum ging Svenja eigentlich jeden Tag da hinein? 20 Minuten waren sehr lang.
Endlich kam seine Mutter herein, nahm ihm die Augenbinde ab und die Ohrenschützer. „Gut, dass ich jetzt wieder sehen und hören kann“, meinte er. „Ja, jetzt weißt Du das wieder neu zu schätzen, nicht wahr?“ „Ich habe fast die ganze Zeit an heute morgen gedacht“, antwortete Alexander.
„Ja, die Gedanken sind wie wilde Pferde“, meinte Svenja. „Wie, was?“
staunte Alexander, wieso, wilde Pferde?“ „Sie galoppieren so schnell, dass man sie kaum einfangen kann“, erklärte Svenja. „Schau, mal, so.“ Svenja nahm ein Spielzeugpferd aus Alexanders Spielkiste und ließ es über den Fußboden sausen. „Da kommst Du kaum hinterher, nicht wahr? Alexander hatte echt Mühe, sein Pferd wieder einzufangen. Schließlich warf Svenja es ihm in die Arme. Jetzt hielt er es ganz fest. „So ist das mit unseren Gedanken, wenn wir versuchen, in die Innere Welt zu gehen“, sagte Svenja, „sie laufen uns davon, und wir müssen zuerst mal lernen, sie festzuhalten, genau wie Du es jetzt mit dem Pferd machst.“ Alexander hielt sein Pferd jetzt fest vor die Brust gepresst. „Ja, genauso musst Du lernen, Dein Denken festzuhalten“, ermunterte ihn Svenja, „von allen Seiten, verstehst Du?“ „Von allen Seiten mein Denken festhalten? Wie soll das denn gehen?“ Alexander verstand nichts mehr.
„Das ist ganz einfach“, erklärte Svenja, „es ist die erste Übung in der Inneren Welt. Du nimmst Dir einen Gegenstand vor und denkst nur daran, so dass Dein Denken nicht weglaufen kann. Ich nehme z.B. gerade die goldene Kugel, die mir Tante Nadja zu Weihnachten geschenkt hat. Wenn ich also in die Innere Welt gehe, denke ich an die goldene Kugel, nur daran, und sonst an nichts, also Kugel, golden. Damit ist mein Denken eingefangen und kann nicht mehr weglaufen wie das Pferd gerade. Es ist so, als ob ich das Pferd gezähmt hätte. Weißt Du jetzt, was ich meine?“ Alexander nickte langsam. „Erst wenn wir das Denken festhalten können, können wir es auch loslassen“, ergänzte Svenja. Alexander ließ das Pferd auf den Boden sinken. „Ja, genau so, und dann beginnen wir, die Innere Welt zu erleben.“
„Also das Denken von allen Seiten festhalten und dann loslassen“ wiederholte Alexander, „hört sich schwierig an.“ „Ist es aber nicht, Kinder können es oft besser als Erwachsene, versuche es einfach wieder mal, wenn Du magst.“ „Okay, wenn Du mir die goldene Kugel leihst, damit will ich es auch mal probieren, aber für heute habe ich genug von der Inneren Welt. Jetzt will ich lieber meine Zeit verschenken, ich geh mal raus und gucke, ob ich den kleinen Mann von nebenan treffe, vielleicht hat er Arbeit für mich, ich will nämlich lernen, wie man Tulpenzwiebeln pflanzt.“
„Einverstanden“, lachte Svenja und warf das Pferd wieder in die Spielzeugkiste. |