
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
„Mama, Mama, ich weiß jetzt, was ein Gewehr ist“, Alexander kam ganz aufgeregt die Treppe rauf. Er hatte den Nachmittag wieder einmal bei Tante Nadja verbracht. „Ein Gewehr? Wie kommst Du denn darauf?“ wollte Svenja wissen. „Ich durfte bei Tante Nadja wieder in den dunklen Kasten sehen, den man Fernseher nennt, da sollte was für Kinder drin sein, hatte Tante Nadja gesagt. Aber vorher war da noch der Mann mit dem Gewehr.“
„Und was hat der Mann mit dem Gewehr gemacht?“ fragte seine Mutter.
„Er ist nur ein paar Mal durch den Kasten gegangen, Tante Nadja hat gesagt, dass irgendwo Krieg ist in einem Land. Sie hat gesagt, dass da ganz viele Menschen ein Gewehr haben. Damit kann man schießen. Ich weiß jetzt, wie das geht. Man nimmt das Gewehr auf die Schulter, dann guckt man durch so ein kleines Dings, und dann mit dem Finger an so einem Hebel ziehen, und dann macht es ganz laut päng, hat mir alles Tante Nadja erklärt, weil sie mal eins gesehen hat, in echt, hat sie gesagt.
Mama, warum haben Leute ein Gewehr?“ will Alexander wissen. „Weil sie Angst haben“, antwortete Svenja sofort. „Der Mann in dem Kasten sah aber nicht so aus“, meinte Alexander, “er sah richtig stark aus mit dem Gewehr“. „Er hat seine Angst versteckt“ erklärte Svenja. „Du kannst sicher sein, wenn er keine Angst hätte, dann hätte er auch kein Gewehr.“ „Wieso versteckt?“ Alexander wollte es mal wieder ganz genau wissen.
„Du hattest doch auch neulich mal Angst, weißt Du noch? Als Igor hier bei Dir geschlafen hat, und ich Dein Nachtlämpchen vergessen hatte. Da hast Du mich gerufen, und es mir ganz leise zugeflüstert, dass Du doch Angst hast im Dunkeln, und dass ich doch Dein Nachtlämpchen reinstecken soll, in die Steckdose. „Ja, der Igor sollte das nicht merken, dass ich Angst hatte“, gab Alexander zu. „Na also, da hast Du auch Deine Angst versteckt, jedenfalls vor Igor.“
„Und vor was hat der Mann in dem dunklen Kasten bei Tante Nadja Angst, auch vorm Dunklen?“ „Das glaube ich nicht, aber ich weiß es nicht genau, ich kenne ihn ja nicht“, antwortete Svenja. „Ich vermute eher, er hat Angst davor, nichts zu essen zu haben, oder keine Wohnung, oder kein Geld, oder er hat Angst vor dem Tod.“ „Was ist Tod?“ wollte Alexander wissen. „Ich glaube, das erkläre ich Dir lieber morgen, sonst wird es heute zu spät, bis Du ins Bett kommst.“
„Dann sag mir wenigstens noch was Krieg ist, das wollte Tante Nadja mir nicht sagen, sie hat gesagt, ich soll Dich fragen.“ „Oh je“, stöhnte Svenja, „aber nur ganz kurz. Krieg ist ein Streit zwischen ganz vielen Menschen. Ein paar Menschen, sie heißen Regierung, bestimmen, dass viele Menschen Streit haben sollen mit anderen Menschen, die sie gar nicht kennen.“ „Das ist ja blöd, streiten mit Menschen, die sie nicht kennen, so was können sich auch nur die Großen ausdenken. Und wieso gibt es überhaupt diesen Krieg? Warum machen die Menschen so was?“
„Ich vermute, es liegt daran, dass viele Menschen immer nur mehr haben wollen von allem, anstatt sich zu überlegen, was sie anderen geben könnten“ erklärte Svenja. „Ist dann kein Krieg, wenn sie sich das überlegen, ich meine das mit dem Geben, was Du eben gesagt hast?“ „Ja tun müssen sie es ja dann auch noch“, ergänzte Svenja, „erst dann wäre Frieden.“ „Frieden ist das das, wenn kein Krieg ist?“ wollte Alexander wissen. „Ja genau“, meinte seine Mutter. „ Ist jetzt Frieden hier, wo wir sind? fragte Alexander noch.
„Ja, ich glaube schon, so genau können wir das gar nicht wissen. Für uns, ich meine jetzt für Dich und mich ist wichtig, ob wir im Frieden sind, oder hast Du gerade Streit mit einem Menschen?“ „Nein, habe ich nicht“, sagte Alexander. „Na, dann kannst Du ja endlich in Frieden schlafen gehen“, Svenja gähnte.
Alexander war auch ganz müde geworden von dem vielen Reden über Gewehr und Krieg. Die Erwachsenen waren manchmal seltsam, er würde jedenfalls Frieden machen, wenn er groß wurde und nicht Krieg. |