oder
An Mutti, die eine prima Oma war
(Geschichte von Bärbel Zimmermann, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
Es war einmal ein Hut. Er war grünkariert und gehörte einer älteren Dame. Sie liebte Hüte über alles und den grünkarierten ganz besonders. Er durfte sie fast überall hin begleiten.
Die Frau hatte ein Enkelkind, das liebend gern mit dem Karussell fuhr, aber sich allein doch noch nicht so recht in die großen Karussells traute. Da wieder ein Enkelkind unterwegs war konnte die Mutter nicht mit ihm fahren und so machte sich die Oma auf, um mit ihrem Enkel zur Messe zu gehen. Natürlich setzte sie den grünkarierten Hut auf. Die Oma kannte zwar die neuen großen Karussells auch nicht so richtig, aber sie stieg gleich als erstes in ein ganz schnelles Karussell ein, in dem ging es vorwärts und rückwärts, über Kopf und wieder zurück – der Hut hatte alle Mühe, sich festzuhalten. Menschen werden angeschnallt, aber Hüte?
Weiter ging es mit dem Messebummel, und der Junge blieb vor einem Fahrgeschäft stehen, das „Fliegender Teppich“ hieß. Wie ein großer Teppich aus Tausendundeiner Nacht sah das Karussell aus. Die Oma, mutig wie immer, nahm ihren Enkel, kaufte Karten und stieg ein, ohne zu wissen, was auf sie zukam. Sie setzten sich natürlich in die hinteren Reihen, der Teppich fing an zu fliegen, hoch in den Himmel und mit Schwung zurück, und hoch auf die andere Seite, wie eine riesige Schaukel. Der Hut, der anfangs noch etwas ängstlich war und sich festgehalten hatte, fing an, Spaß daran zu finden. Neugierig schaute er beim Schwungholen in den Himmel und – bumms – hatte er losgelassen. „Mein Hut“, rief die Oma, aber sie konnte ihm schlecht folgen. Der Hut landete auf dem Fußboden des Fliegenden Teppichs und rodelte bei jedem neuen Schwung wie auf einer Rodelbahn hin und her. Hin und her. Hin und her. Herrlich fand er das. Und weil es ihm so viel Spaß machte, ließ er sich auch nicht wieder einfangen. Er wollte einfach in dem Karussell bleiben und immer weiter Spaß haben. Die Fahrt war zu Ende, die Oma war traurig, aber der Hut war für sie unerreichbar. Sie hoffte, dass ihr Hut bei der nächsten Fahrt herunterfallen würde und wartete ab. Aber bei der nächsten Fahrt kam Wind auf, und der Hut, besonders neugierig und mutig geworden, hatte sich zu weit an die Kante gewagt. Ein Windstoß schubste ihn über die Kante und nahm ihn mit in Richtung Giebel eines umliegenden Hauses.
„Den Hut seh‘ ich nicht wieder“ sagte die Oma traurig und ging ohne Kopfbedeckung mit ihrem Enkel weiter. Der Hut aber fing an, sich über den Wind zu freuen. Er versuchte nirgends hängen zu bleiben und ließ sich einfach vom Wind weiterpusten. Huiii, sauste er durch die Luft. Achtung, schon musste er aufpassen, dass er nicht in den Zweigen eines Baumes hängen blieb. Holla, fast wäre er auf dem Boden gelandet, aber er hatte Glück und ein neuer Windstoß nahm ihn wieder mit. Ach, war das herrlich. Sich einfach nur treiben lassen, nichts denken, fliegen, frei sein – es war eigentlich egal, ob er irgendwo landen und liegenbleiben würde, diese Reise durch die Lüfte würde er nie vergessen. Nicht lange danach kam eine Flaute und der Hut segelte abwärts. Mit letzter Kraft hielt er sich an einem Ast fest, um nicht unsanft auf dem Boden zu landen. Nun hing er da in den Zweigen und musste auf einmal an die Oma denken. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen, sie würde sicher nasse Haare bekommen. Und – eigentlich war sie doch immer nett zu ihm gewesen. Sie hatte ihn immer den anderen vorgezogen, dem vornehmen roten (so was Angeberhaftes, ein roter Hut!), dem hellen karierten, er hatte fast alle Wege mit ihr zusammen machen dürfen. Auf einmal wollte er zurück, aber wie? Sehnsüchtig sah er zum Himmel und überlegte. Mit dem nächsten Windstoß hangelte er sich ganz an den Rand des Astes an dem er hing und beschloss, mit der nächsten stärkeren Böe abzuspringen und zur Messe zurückzufliegen.
Ob es ihm gelungen ist? Ich weiß nur, dass in Muttis Kleiderschrank ein alter verknautschter grünkarierter Hut gelegen hat.....
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