
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
An einem ganz normalen Montag holte Svenja ihren Sohn Alexander vom Kindergarten ab, wie immer um die Mittagszeit. Doch sie merkte sofort, als sie Alexander sah, dass irgendwas nicht so war wie sonst, er machte so ein unglückliches Gesicht. „Was ist los?“ wollte Svenja wissen. „Mein Knie tut weh, hier, das hier“, sagte Alexander und zeigte auf sein rechtes
Knie. Tatsächlich, er humpelte sogar ein bisschen. „Wie kam denn das?“
fragte Svenja. „Ich habe mit einem Puzzle gespielt und da kam Igor und wollte auch das Puzzle, und da hab ich nein gesagt, und da hat er mich ans Knie getreten, und jetzt krieg ich, glaub ich, einen ganz dicken blauen Fleck.“ Alexander war ganz weinerlich zumute. Svenja nahm ihn erst mal in den Arm. Dann schaute sie sich das Knie an. Es war ein wenig geschwollen, aber zum Arzt brauchten sie nicht.
„Da bleibst Du am besten heute Nachmittag zu Hause und legst das Bein
hoch. Ich werde es ein wenig kühlen, und dann haben wir auch gleich Zeit, um noch einmal darüber zu sprechen.“ Zum Glück gab es heute Spaghetti, die ganz langen natürlich, und Alexanders Gesicht sah schon nicht mehr so traurig aus.
Nach dem Essen legte Svenja sein rechtes Bein vorsichtig auf einen anderen Stuhl, mit einem weichen Kissen drunter, und dann einen Eisbeutel drauf, nur Wassereis, aber mit einem Handtuch dazwischen. Erst einmal nahm er sich seinen Baukasten vor, mit dem spielte er immer gerne. Dann fiel ihm Igor wieder ein. „Igor ist gemein, ich trete ihn morgen auch mal, damit er weiß, wie weh das tut.“
„Ich denke, das ist keine gute Lösung, doch erzähl mir noch mal, wie alles gekommen ist“ meinte Svenja. „Ich hatte das Puzzle, das schöne große mit der Eisenbahn drauf, und ich hatte erst den Rand, und es war noch ganz viel Arbeit. Und dann kam der Igor und wollte es haben, einfach so. Dabei hatte ich es doch schon.“ „Weißt Du noch, was er gesagt hat?“ fragte Svenja. „Weiß ich nicht mehr“, sagte Alexander“, er wollte es haben und ich hab „nein“ gesagt und weitergemacht.“ „Sonst nichts?“ wunderte sich Svenja. „Hast Du ihn noch nicht einmal angeschaut?“ „Nein, ich war doch gerade bei der Lok, und dann hat er mich getreten, einfach so, ist doch gemein oder?“
„Ja, das war nicht in Ordnung von Igor, Dich zu treten, Gewalt ist keine Lösung“, sagte Svenja. „Aber was hätte ich denn machen sollen?“ fragte Alexander, „ich konnte doch nichts machen.“ „Doch“, sagte Svenja zu seinem größten Erstaunen, „doch, Du hättest ihm was geben können!“
„Was geben?“ Alexander verstand nichts mehr. „Ich hatte doch das Puzzle zuerst und wollte damit spielen, nein, ich wollte es ihm nicht geben.“
„Ich habe auch nicht gesagt, dass Du ihm das Puzzle geben solltest, ich habe gesagt etwas.“ „Wieso etwas? Er wollte doch das Puzzle.“ Also seine Mutter war heute seltsam, was meinte sie bloß?
„Gut“, sagte Svenja, „ich will es Dir anders erklären. Immer, wenn ein Mensch auf uns zukommt und etwas von uns will, können wir ihm, nein, wir sollten ihm dann auch etwas geben.“
„Immer?“ fragte Alexander. „Immer“, versicherte Svenja. „Egal, was er will?“ „Ja, egal was er will.“ „Meine Güte“, stöhnte Alexander, „muss das sein?“
„Du kannst es ausprobieren und Du wirst feststellen, dass es Dir gut tut, nicht nur dem anderen. Aber ich war noch gar nicht fertig, es Dir zu erklären, also, wo waren wir, ach ja. Immer wenn ein Mensch etwas von Dir will, solltest Du ihm auch etwas geben. Nicht immer, das, was er will, nein. Du solltest nur das geben, was Du auch geben kannst und magst. Am schönsten sind die Dinge, die von Deinem Herzen kommen.“ „Meinst Du was von den Dingen, die man nicht sehen kann?“ fragte Alexander. „Ja, genau.“
Allmählich ahnte er, was seine Mutter meinte. „Und das Beste war die Liebe, das weiß ich noch“, erinnerte er sich wieder. “Aber was hätte ich denn nun machen sollen mit Igor?“ Alexander wollte es nun mal wieder ganz genau wissen. „Du hättest ihm erst mal zuhören können, ihn dabei anschauen und Dein Puzzle unterbrechen. Dann hättet ihr bestimmt eine Lösung gefunden, vielleicht zusammenspielen oder ein anderes Puzzle oder…“. „Ist ja schon gut“ winkte Alexander ab, jetzt hatte er genug von den langen Erklärungen seiner Mutter.
„Kann ich einen Tee haben?“ fragte er. “Okay“, sagte Svenja, “ Du hast Glück, Du kannst bekommen, was Du willst, und noch Kekse dazu, magst Du?“ Und ob er mochte. Sie schmeckten mal wieder köstlich.
Am Abend musste er wieder an Igor denken, irgendwas musste er anders machen, er war doch sein Freund.
Am nächsten Morgen kam Igor gleich auf Alexander zu. „Tut mir leid wegen gestern“, sagte er, „ich wollte Dir nicht so weh tun.“ „Geht schon wieder besser“, sagte Alexander, „wollen wir zusammen mit dem Eisenbahnpuzzle spielen?“ |