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Der kleine Mann ist krank

Der kleine Mann ist krank

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

Alexander hatte gerade seine Suppe ausgelöffelt, da klingelte es. Sven war an der Tür und sagte: „Alexander, Du musst unbedingt mit rauskommen, da unten ist was ganz tolles zum Spielen, aber was es ist, verrate ich nicht“. Alexander wurde neugierig und konnte es kaum abwarten, bis er endlich seine dicke Jacke anhatte, seine warme Mütze, die Handschuhe, die so ein bisschen kratzig waren, und fast hätte er den grünen Schal vergessen. Seine Mutter schlang ihm den noch eben um den Hals. „Es friert doch draußen“, meinte sie noch, „sonst erkältest Du Dich.“

Als Alexander mit Sven nun endlich draußen war, konnte er noch nichts Besonderes entdecken, was meinte Sven denn bloß? „Hier, gleich vor eurem Nachbarhaus ist es“, rief er, „schau mal, eine braune Schlitterbahn“. Und schon nahm Sven Anlauf und schlitterte los. Alexander traute kaum seinen Augen, tatsächlich da war eine braune Schlitterbahn, nicht so durchsichtig oder weiß, wie er sie sonst kannte, wo man so schön drauf herumlitschen konnte, nein diese war braun. Seltsam.

Und dann traute sich Alexander auch, erst mal vorsichtig und langsam, seine Knie wackelten arg, und dann ging es immer besser und schneller.
Sven nahm jetzt sogar ein paar Schritte Anlauf, und hui, rutschte er an Alexander vorbei. Das wollte Alexander auch versuchen, erst ein paar Schritte Anlauf, und dann hui, doch er landete auf dem Hosenboden, so konnte man auch rutschen. Nein, wehgetan hatte er sich nicht, so versuchte er es noch einmal. Wieder fiel er hin, dieses Mal auf die Seite, und sein Ärmel wurde ganz braun.

 „Das schmeckt wie Kakao“, rief er plötzlich zu Sven rüber. Er hatte ein bisschen an seinem Ärmel geleckt. „Kakao?“ fragte Sven, und probierte nun auch. „Ich glaube, das ist Eiskakao, wo wir drauf rutschen“, meinte Alexander. „Aber wo kommt der denn her?“ wunderte sich Sven. Die beiden schauten sich um, und dann sahen sie es. Direkt vor der Haustür war ein ganzer Kasten mit Kakaoflaschen umgekippt, sie waren kaputtgegangen, und so hatte sich der ganze Kakao auf den Bürgersteig ausgegossen und war gefroren.

Sven und Alexander sahen sich an, was sollten sie machen? Alexander hatte plötzlich keine Lust mehr zu rutschen und wollte wieder nach Hause. So verabschiedeten sich die beiden, und Alexander klingelte an seiner Haustür. „Wie siehst Du denn aus?“ empfing ihn seine Mutter wenig begeistert. „Du bist ja überall ganz braun“, wunderte sich Svenja. “Das ist Kakao“, war Alexanders kurze Antwort. „Wie kannst Du hinten an Deiner Hose Kakao trinken, und auf Deinem Rücken, und an Deiner Seite?“ Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Zieh die Sachen schnell aus, das muss ich alles waschen.“ Sie war sichtlich ärgerlich.

Als Alexander frische Sachen anhatte, traute er sich endlich, seiner Mutter von der Kakaobahn zu erzählen. „Ach du jeh“, rief sie. “Du meinst hier gleich nebenan ist sie, vor dem Haus, wo auch der kleine Mann wohnt,
und der Kasten mit den kaputten Flaschen liegt da vor der Haustür?“
Alexander nickte. „Dieses Mal gehe ich raus, und Du bleibst hier!“ sagte sie sehr bestimmend. Er sah noch, wie sie einen Eimer und ein paar alte Zeitungen und alte Lappen mitnahm. Nach einer langen Zeit, jedenfalls so lange, dass Alexander schon mit seinem Baukasten zwei Häuser gebaut hatte, kam sie endlich wieder.

„So, das habe ich erledigt, und jetzt trinken wir erst mal einen Tee und bestimmt keinen Kakao.“ Aber Alexander war auch die Lust auf Kakao vergangen.

 Als sie mit dem Tee fertig waren, meinte Svenja: „Du, der kleine Mann von nebenan ist krank, eine Nachbarin hat es mir gerade erzählt, Du weißt doch, der all die Blumenzwiebeln gepflanzt hat.“ „Und der manchmal vor unserem Haus gefegt hat“, ergänzte Alexander. „Ja, komm, lass uns mal rüber gehen und ihn fragen, ob er irgendwas braucht.“ „Krank ist er, sagst Du?“ fragte Alexander. „Ja, irgendwas soll mit seinem Fuß sein, wir können ihn ja fragen. Magst Du mitkommen?“ „Klar doch“, sagte Alexander, er verschwand aber erst mal in seinem Kinderzimmer. Kurz drauf kam er mit seinem grünen Beutel wieder, irgendwas Schweres schien drin zu sein. „Was nimmst Du denn da mit?“ wollte Svenja wissen. Alexander sagte nur: „Ich nehme halt was mit.“

Dann gingen sie beide rüber zu dem kleinen Mann. Er saß auf seinem bunten Sessel, und schaute die beiden verwundert an. „Wir gehören zu ihren Nachbarn“, beeilte Svenja sich, es ihm zu erklären. „Und wir haben gehört, dass Sie krank sind und wollten Sie fragen, ob Sie was brauchen können. Das hier ist Alexander.“ Der kleine Mann schien sich zu freuen, er hatte sogar noch in seiner Wohnung seine gelbe Kappe auf.

 „Ja, ich bin vor ein paar Tagen die Treppe runter gefallen und habe mir den Fuß gebrochen, jetzt kann ich ein paar Wochen lang nicht rausgehen.“
„Da können Sie ja auch nicht einkaufen“, meinte Svenja, „darf ich Ihnen denn einmal am Tag was Warmes zu essen bringen?“ Der kleine Mann freute sich, damit hatte er nicht gerechnet. „Das wäre aber nett, ich wusste gar nicht, dass ich so liebe Nachbarn habe.“ „Das wussten wir auch nicht, bis wir Sie immer so viel haben fegen sehen, sogar vor unserem Haus.“ „Naja“, sagte der kleine Mann und wirkte ein bisschen verlegen.

 „Da fällt mir noch was ein, montags bekomme ich immer einen Kasten Kakao geliefert, wenn sie mir den am nächsten Montag rauf bringen könnten?“ fragte der kleine Mann.  „Machen wir“, beeilte sich Svenja zu sagen. „Ich weiß gar nicht, wer dieses Mal den Kakao getrunken hat“, sagte der kleine Mann nachdenklich. Alexander wurde es bei diesem Satz plötzlich ganz mulmig. „Doch vielleicht hat er ja meinen Nachbarn gut geschmeckt.“ Alexander warf seiner Mutter einen besorgten Blick zu, doch sie sagte nichts. „Komm, wir gehen jetzt wieder“, meinte sie nur.

Da ging Alexander noch einmal auf den kleinen Mann zu. Er zog ein dickes Buch aus seinem Beutel. „Das kannst Du jetzt mal lesen, weil Du krank bist, dann kannst Du besser schlafen“, sagte er. Der kleine Mann lächelte. „Ist aber nur geliehen, bis Dein Fuß gesund ist“, beeilte er sich noch zu sagen, “ist nämlich mein Lieblingsbuch.“

Auf dem Weg nach Hause fühlte er den warmen Händedruck seiner Mutter. Am Abend sang sie wieder fröhliche Lieder, und Alexander konnte gut einschlafen. Kakao trank er erst wieder drei Wochen später.

 

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