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Der Schlechte-Laune-Fresser

 
Grafik Feder
 
 

Es war wunderbarer Sonnenschein und die kleine Marina durfte im Garten spielen. Sie brauchte kein Spielzeug, es gab ja so viel zu sehen und zu erleben im Garten. Gerade versuchte sie, Sonnenstrahlen zu fangen und festzuhalten. Das klappte natürlich nicht, aber sie hüpfte und rannte voller Lebensfreude, lachte über einen Vogel, der es nicht sofort schaffte, den dicken Wurm aus der Erde zu ziehen und war ganz aus dem Häuschen, als sie unter der Hecke einen Igel entdeckte. Da, auf dem Blatt ein Marienkäfer, sie wusste, dass diese Käfer Glück bringen. Und schon wieder freute sie sich, denn Glück kann schließlich jeder brauchen. Es war einfach nur aufregend und schön draußen im Sonnenschein.

Da rief ihre Mutter: „Marina, möchtest du mitkommen zum Einkaufen?“ Welche Frage, natürlich. In dem großen Supermarkt war es fast genauso spannend wie in diesem Garten. So viele Dinge gab es dort zu sehen. Voller Vorfreude hüpfte sie auf einem Bein übermütig auf das Haus zu, ihrer Mutter entgegen, die schon mit dem Einkaufskorb in der Hand vor der Tür stand.  

Im Supermarkt kam ihnen ein alter Mann mit einem Einkaufswagen entgegen, Marina hatte ihn wohl zu spät gesehen und den Wagen etwas angestoßen, da ging es auch schon los: "Kannst du nicht besser aufpassen? Kinder sollten überhaupt nicht in einem Supermarkt rumlaufen, unerhört ist sowas.“

Marina‘s Lippen fingen an zu zittern, fast hätte sie vor Schreck geweint und ihre ganze Begeisterung löste sich in Kummer auf. „Entschuldigung“, sagte sie zu dem Mann, doch der wollte das gar nicht hören, der wollte wohl lieber seine schlechte Laune behalten. Bedrückt ging sie weiter. Schon heute Morgen in der Schule hatte einer der Lehrer so geschimpft, nur weil sie aus Versehen einen Tintenklecks in ihr Heft gemacht hatte. Dabei war sie so vorsichtig gewesen und selbst ganz unglücklich, weil die schöne Schrift so verunstaltet worden war. Da musste ein Lehrer doch nicht auch noch schimpfen, meinte jedenfalls Marina. Das war doch schon Strafe genug!

Und dann musste sogar die ganze Klasse darunter leiden, weil der Lehrer allen zur Aufgabe gemacht hatte, das Stück noch einmal ganz sauber abzuschreiben. Klar, dass ihre Freundinnen auch schlechte Laune bekamen.  Warum gibt es überhaupt so viele Menschen mit schlechter Laune, dachte Marina nach, als sie langsam den Gang zwischen den Regalen weiterging.

Gestern war  der Busfahrer im Schulbus so unfreundlich gewesen, als ihre Freundin die Busfahrkarte nicht sofort gefunden hatte. Ein ganz kleiner Moment Ruhe, und schon wäre die Karte gefunden, aber Erwachsene schienen nie auch nur einen Moment Zeit zu haben. Ihre Mutter war inzwischen aus der Gemüseabteilung zurück und steuerte ihren Einkaufswagen zur Kasse.

Marina war heute mal ganz froh, dass der Einkauf nicht so lange dauerte, ihre Freude war sowieso weg, die hatte der Mann irgendwie geschluckt. Wie ein „Gute-Laune-Fresser“ war der, dachte Marine und als ihr das Wort einfallen war, musste sie schon fast wieder lachen. Irgendwas muss einem doch einfallen, was man dagegen tun kann. Es müsste einen „Schlechte-Laune-Fresser“ geben, natürlich mit einem Riesenappetit, damit niemand mehr schlechte Laune behalten konnte. 

Zu Hause angekommen half sie ihrer Mutter beim Auspacken und ging dann in ihr Zimmer. Es sah freundlich und gemütlich aus, sie war ziemlich stolz auf ihr Reich. Im Regal saßen ihre Puppen und warteten darauf, wieder einmal umgezogen zu werden, auf dem Bett lag ihr Lieblingsbuch von Pippi Langstrumpf, und an der Decke an einem Haken hing ihr Zausel, eine Marionette, die ihren Namen durch ihre ziemlich wirre Woll-Haarpracht bekommen hatte. Der Zausel war ein Geburtstagsgeschenk zu ihrem fünften Geburtstag gewesen. Papa hatte ihn selbst gebaut und angezogen. Marina wusste noch genau, wie morgens statt ihrer Mutter das Gesicht von der Marionette durch den Türspalt gelinst und „Zum Geburtstag viel Glück“ gesungen hatte. Sein Gesicht wurde vor allem geprägt von einem Mund, der fast von einem Ohr zum anderen reichte, man musste einfach lachen wenn man ihn sah. Ein paar Sommersprossen hatte Papa ihm auf die Nase gemalt, die Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, aber sie hatte ihn sofort liebgewonnen. Papa konnte richtig gut mit ihm umgehen, man hatte den Eindruck als lebte der Zausel wirklich. Marina musste unwillkürlich lachen, als sie jetzt dem Zausel in sein Sommersprossen-Gesicht sah.

„Weißt du was,“ sagte sie zu ihm, du bist ein richtiger „Kummer- und Schlechte- Laune- Fresser“, wenn man dich sieht, muss man einfach wieder gute Laune kriegen. Wie machst du das nur?“
Angestrengt dachte Marina darüber nach, warum sie auf einmal wieder gute Laune bekam. Weil der Zausel so lustig aussah? Wegen der Haare? Nein, lachen musste sie vor allem deshalb wieder, weil das Lachen in seinem Gesicht wohl einfach ansteckend war. Das hieß doch, dass eigentlich gar nicht der Zausel der Schlechte-Laune-Fresser war, sondern das Lachen selbst. Stimmt auch, grübelte sie weiter, jemand der lacht, kann nicht gleichzeitig schlechte Laune haben, dann muss diese Überlegung wohl richtig sein.

Gleich morgen wollte sie das versuchen. Wenn ihr wieder jemand mit schlechter Laune begegnete, wollte sie einfach freundlich lächeln und einen schönen guten Tag wünschen oder sowas, ihr würde schon etwas einfallen. Auf jeden Fall wollte sie sich nicht mehr davon anstecken lassen, sondern lieber versuchen, andere mit guter Laune anzustecken. „Danke, Zausel, dass du mich auf diese Idee gebracht hast“, sagte sie in Richtung Zimmerdecke. Und, was meint Ihr, was der Zausel daraufhin machte? Richtig – er lachte!

 
     

 

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