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Die verschwundene Puppe

Die verschwundene Puppe

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

An einem kalten Winternachmittag wollten es sich Alexander und seine Mutter Svenja mal wieder so richtig gemütlich machen. Sie zündeten eine Kerze an, kochten einen leckeren Tee, und Alexander kletterte auf den Hocker, um an die große bunte Dose zu kommen, in der immer die leckeren Schokoladenkekse aufbewahrt wurden. Er öffnete die Dose, doch zu seiner großen Enttäuschung war sie leer. „Schade“, sagte er, die Kekse sind alle.“ Oh, ja“, antwortete Svenja, „dann kannst Du morgen welche mitbringen, wenn Du zum Bäcker gehst. Für heute haben wir noch Knäckebrot, magst Du eins mit Honig?“ Alexander war einverstanden, obwohl die Kekse ja viel, viel besser schmeckten. Bei solchen Gelegenheiten sagte Svenja immer: Es gibt Wichtigeres im Leben. Doch waren Schokokekse vielleicht nicht wichtig?

„Erzähl mir doch bitte wieder von den vielen Dingen, die man nicht sehen kann“, bat er seine Mutter. „Okay“ meinte sie „dann erzähle ich Dir heute vom Wind.“ „Wind kann ich sehen“ widersprach Alexander, ach nein, doch nicht, aber ich kann ihn spüren.“ „Genau“, fuhr seine Mutter fort, „Du kannst spüren, ob er stark oder schwach ist, ob er ein Geräusch macht, oder ob er leise ist. Er ist nicht zu sehen, und doch kann er viel bewegen, denke mal an die Blätter, die er von den Bäumen weht“, „und die Hüte von den Köpfen der Leute“, ergänzte Alexander. Und so erzählten sich die beiden noch den ganzen Nachmittag vom Wind, von den Wellen, die er auf dem Meer macht, von den Vögeln, die er schneller fliegen lässt, und von der Freude, die er schenkt, wenn er beim Fahrradfahren in den Rücken bläst. Nach diesem gemütlichen Nachmittag konnte Alexander besonders gut einschlafen, er träumte noch von wehenden Fahnen und vom Gezwitscher der Vögel, das der Wind in sein Zimmer trug.

„Gehört der Wind zu den wichtigen Dingen im Leben?“ wollte Alexander am nächsten Morgen von seiner Mutter wissen.“ Aber ja doch“, antwortete Svenja,“ aber das Allerwichtigste ist natürlich die Liebe“, sagte sie. „Die kann man auch nicht sehen, nur spüren“ ergänzte Alexander.

An diesem Morgen durfte Alexander alleine zum Bäcker gehen, wie jeden Samstag. Seine Mutter gab ihm Geld, und einen Leinenbeutel für das Brot und die Kekse mit.
 Als er das Haus kaum verlassen hatte, sah er auf ein mal ein kleines Mädchen am Straßenrand sitzen. Es hatte den dunklen Wollmantel ganz eng um den kleinen Körper geschlungen und das Gesicht hinter den Händen versteckt. Als Alexander näher kam, bemerkte er, dass das Mädchen weinte. Er blieb stehen und wusste nicht, was er machen sollte.
Er merkte nur, dass er auch ein kleines bisschen traurig wurde. Da beschloss er, sich einfach neben sie zu setzen. „Ich heiße Alexander“ sagte er, „und Du?“ Das Mädchen antwortete nicht, sondern schluchzte weiter.
„Wenn ich Dich so weinen sehe“ sagte Alexander „werde ich auch ein bisschen traurig“. Das Mädchen sagte immer noch nichts, holte aber ein Taschentuch aus der Manteltasche und putzte sich die Nase. Und dann brach es aus ihr heraus: „Meine Puppe ist weg, einfach weg, seit gestern auf dem Rummelplatz, da hab ich sie irgendwie verloren, Anna heißt sie, ich habe so laut nach ihr gerufen, aber sie hat mich nicht gehört, und ich hab sie nicht wieder gefunden.“

Jetzt konnte Alexander endlich verstehen, warum das Mädchen so weinte. Ihre Puppe war weg. Am liebsten hätte er ihr eine neue geschenkt, aber nein, das war ja nicht Anna, die sie so lieb hatte. „Du hast Anna ganz doll lieb oder?“ fragte Alexander. „Aber ja doch“, weinte das Mädchen, „wir waren doch immer zusammen, schon ganz lange“. „Vielleicht wollte Anna mal verreisen“, sagte Alexander, „warst Du nicht auch schon mal im Urlaub?“ „Ich war schon mal an einem großen Wasser mit ganz viel Sand“, berichtete das Mädchen, “da wollte ich am liebsten gar nicht wieder weg.“ „Vielleicht geht es Deiner Puppe genauso, sie wollte mal Urlaub machen, und jetzt will sie einfach nicht wieder weg.“ „Meinst Du“ fragte das Mädchen, „aber ohne mich? Das kann ich nicht glauben“. „Ich weiß es nicht“, sagte Alexander, “vielleicht hat sie auch ein anderes Kind gefunden und gewinnt sie genauso lieb wie Du.“

Jetzt hatte das Mädchen mit dem Weinen aufgehört. „Und weißt Du, was Du machen kannst?“ Alexander hatte plötzlich eine Idee. “Du kannst Deiner Puppe eine Botschaft schicken mit dem Wind, denn der kommt überall hin.“ „Und wie mache ich das?“ wollte das Mädchen wissen. “Ganz einfach“ sagte Alexander. „Du sagst Anna noch mal, wie lieb Du sie hast und vertraust diese Nachricht dem Wind an, der sie zu ihr trägt.“
Das Mädchen hatte aufmerksam zugehört. “Das will ich sofort tun“, sagte sie. Sie schloss die Augen und befolgte Alexanders Rat.

„Hast Du zu Hause noch eine Puppe?“ fragte Alexander. „Nein, nur noch einen Hasen“ berichtete das Mädchen. „Hast Du den auch lieb?“ fragte Alexander. „Ich habe ihn lange nicht beachtet“, sagte das Mädchen ein wenig verlegen, “ich habe lieber mit Anna gespielt“. „Du kannst ihm zu Hause ja die ganze Geschichte erzählen“, schlug Alexander vor, „ich bin sicher, er versteht Dich und will sofort in Deinen Arm.“
 „Dann will ich schnell zu ihm gehen“, sagte das Mädchen und stand auf, „und Danke!“, sagte sie noch hastig und eilte davon. Alexander sah ihr noch lange nach.

Vom Bäcker kam er jetzt viel später zurück nach Hause als sonst. “Was war denn los“? wollte seine Mutter wissen. „Manchmal gibt es wichtigere Dinge im Leben als Brot und Schokokekse“, grinste er nur.

Da mussten sie beide lachen, und Alexander erzählte die ganze Geschichte von der verlorenen Puppe.

 

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