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Das rote Auto

Das rote Auto

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

Eine Weihnachtsgeschichte für Taro

Es war einmal ein kleiner Junge, er hieß Alexander. Nein, eigentlich war er nicht mehr so klein, er war schon fünf Jahre alt und ging in den Kindergarten. Er lebte in einem kleinen Dorf in Russland. Da ist es im Winter immer sehr kalt, und viele Leute tragen dann Fellmützen und ganz dicke warme Handschuhe. Alexander lebte alleine mit seiner Mutter Svenja in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Er hatte ein Zimmer ganz für sich alleine, im Zimmer seiner Mutter war auch die kleine Küche.
Manchmal, wenn er abends nicht einschlafen konnte, hörte er, wie seine Mutter in ihrem Zimmer noch russische Volkslieder sang. Manchmal waren sie traurig und manchmal fröhlich. Wenn sie fröhlich waren, konnte er immer besser einschlafen.

An einem Abend im Advent, also kurz vor Weihnachten, hatte ihm seine Mutter eine seltsame Geschichte vorgelesen. Sie handelte von Dingen, die man nicht sehen kann, zum Beispiel vom Wind, von der Liebe und von Freundschaft. Die Liebe, so hatte ihm seine Mutter erklärt, war das Wichtigste von all den Sachen, die man nicht sehen kann.

Am nächsten Morgen sprachen sie beim Frühstück über Weihnachten. Svenja erklärte Alexander, warum überhaupt Weihnachten gefeiert wird. Sie erzählte ihm, dass da vor vielen, vielen Jahren ein ganz besonderer Mensch geboren wurde, der immer alle und alles ganz lieb hatte. Das wusste Alexander bereits. „Und deshalb schenken wir uns alle Weihnachten was, weil wir uns auch ganz lieb haben“, sagte er. „Ich wünsche mir ein Auto, ein rotes Auto, und ganz groß soll es sein, und am besten noch ferngesteuert, und viel Platz soll drin sein, und…“ „Ja, ich weiß,“ lachte seine Mutter, „am besten so groß, dass wir zwei da hineinpassen. Doch du weißt ja, dass so ein Auto sehr teuer ist und wir nicht so viel Geld haben, doch lass Dich überraschen.“

Den Weihnachtsabend konnte Alexander kaum abwarten. Ob er ein Auto bekommen würde? Endlich durfte er sein Geschenk auspacken. Es war ein ganz kleines rotes Auto darin, und er war sehr enttäuscht, er hätte doch gerne ein viel Größeres gehabt. „Schade, aber das ist auch schön“, meinte er.

„Ich will Dir erzählen, wie es dazu kam“, sagte sein Mutter. „Ich habe lange gespart, und endlich konnte ich Dir in der Stadt ein schönes großes ferngesteuertes Auto kaufen. Ich habe es in blaues Papier einpacken lassen und oben auf meine Einkauftasche gelegt. Ich hatte schon viel eingekauft und war sehr müde. Ich ging zur Bushaltestelle, und als ich dort ankam, merkte ich, das blaue Paket war weg, einfach weg, ich hatte es verloren. Du kannst Dir vorstellen, dass ich traurig war und erst einmal versucht habe, es wieder zu finden. Den ganzen Weg bin ich zurückgelaufen und habe es gesucht. Und plötzlich sah ich es: Ein kleiner Junge von etwa vier Jahren hatte es gefunden und schon ausgepackt. Er saß auf dem Bürgersteig, hielt es in den Händen, und er strahlte. ‚Ist das für mich?’, fragte er seine Mutter, die direkt daneben stand. Genau in dem Moment kam ich dazu und wollte das Auto eigentlich an mich nehmen, doch irgendwas in mir hielt mich zurück. Ich nickte seiner Mutter zu: „Er soll es behalten“, sagte ich. Kurz bevor ich mich umdrehte, um wieder zur Bushaltestelle zu gehen, sah ich noch, wie Freudentränen über sein Gesicht liefen.“

 Alexander schwieg eine Weile, als er hörte, was mit „seinem“ Auto passiert war. „Und dann habe ich Dir wenigstens dieses kleine Auto gekauft“, ergänzte Svenja noch, „damit Du nicht ganz enttäuscht bist, mehr Geld hatte ich leider nicht.“ Alexander kletterte seiner Mutter auf den Schoß. „Ich bin jetzt nicht mehr so traurig“, sagte er, „und ich glaube, ich habe jetzt verstanden, wie das ist mit den Dingen, die man nicht sehen kann, jedenfalls habe ich Dich ganz doll lieb.“

Und am Weihnachtsabend hatten die beiden noch viel Spaß mit dem ganz kleinen roten Auto, und als Alexander ins Bett ging, hörte er seine Mutter wieder fröhliche Lieder singen. Sie hatte ihn auch ganz doll lieb, das wusste er jetzt wieder ganz genau.

Schöne Weihnachten.

 

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