
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
Am Samstag war kindergartenfrei, wie immer. Alexander hatte aber keine Lust, alleine zu spielen, und er kam auf die Idee, seine Mutter zu fragen, ob er Dunja einladen durfte, aber nur mit Dominosteinen, denn er hatte nicht so viele. Am Freitag hatten sie zusammen im Kindergarten eine ganz große Klickerbahn gebaut aus Dominosteinen, und am liebsten würde er jetzt mit Dunja wieder eine bauen, durch zwei Zimmer am besten.
Svenja war einverstanden, und sie rief Dunjas Mutter an. Ja, welch ein Glück, Dunja war da, und hatte Zeit und Lust zu kommen. Ihre Mutter brachte sie eine halbe Stunde später vorbei und wollte sie am Abend gegen 6 Uhr wieder abholen. Alexander spielte immer gerne mit Dunja, sie lachte immer so viel. Nur heute nicht, da war sie irgendwie anders.
Alexander holte seine Dominosteine, zusammen mit Dunjas Steinen waren es echt viele. Und sie fingen mit der Klickerbahn an. Alexander fing mit seinen Steinen im Zimmer seiner Mutter an, Dunja im Kinderzimmer, im Flur wollten sie sich treffen. Und dann sollte Dunja sie als erste umwerfen dürfen. Und bei der zweiten Klickerbahn war Alexander dran.
Als Alexander schon viele Steine aufgestellt hatte, so dass er bald im Flur weitermachen musste, hörte er Dunja schimpfen, ihr waren wieder alle umgefallen, sie musste von vorne anfangen. Dann erging es ihm genauso. Als er die Tür zum Flur aufmachte, stieß er an einen Stein, und alle fielen wieder um. Er begann von neuem. Inzwischen machte Dunja auch die Tür zum Flur auf und war fast fertig, da stieß sie wieder an einen Stein, und alle fielen um. Da fing sie plötzlich ganz arg an zu weinen. „Dann helfe ich Dir gleich bei Deiner Seite“, sagte er noch, doch Dunja schien ihn gar nicht zu hören, sie schluchzte richtig laut auf. So hatte Alexander sie noch nie gesehen. Sie weinte immer heftiger und wollte sich gar nicht beruhigen.
Alexander wusste nicht mehr, was er machen sollte und rief seine Mutter. “Was ist bloß mit Dunja los? Ist doch nicht so schlimm mit der Bahn, oder?“ Svenja kam und nahm Dunja erst mal in den Arm. Sie weinte weiter. Endlich schien sie was zu sagen, Alexander konnte es erst gar nicht verstehen. „Was hat sie gesagt?“ fragte er seine Mutter. „Sie hat gesagt, ihre Oma ist tot.“
Alexander erschrak. „Tot“, das musste was Schlimmes sein, wenn Dunja so weinte. „Was ist tot?“ fragte er seine Mutter. Stattdessen erklärte es Dunja, immer noch weinend. “Sie schläft für immer, sie wacht nie mehr auf, nie, nie mehr, und heute ist sie in die Erde gekommen, und ich kann sie nie, nie mehr sehen, dabei hab ich sie so lieb gehabt.“
„Ist das so?“ wollte Alexander jetzt aber doch von seiner Mutter wissen, kommt man dann in die Erde und wacht nie mehr auf?“ „Ja, so ähnlich“ sagte Svenja und wandte sich wieder Dunja zu, die immer noch auf ihrem Schoß saß. „Du hast sie sehr lieb, Deine Oma, nicht wahr?“ „Ja, aber jetzt ist sie tot.“ „Du kannst sie immer noch lieb haben, auch wenn sie tot ist“, erklärte Svenja, „aber ich verstehe, dass Du jetzt erst mal nur traurig bist.
Das ist doch klar, bei Deiner lieben Oma.“
Endlich, Alexander hatte schon alle Dominosteine wieder in die Kästen gelegt, da hörte Dunja mit dem Weinen auf. Sie putzte sich die Nase und fragte: “Wie soll ich das denn machen, sie immer noch lieb haben, jetzt
wo sie doch da in der Erde liegt?“
„Es liegt nur ihr Körper in der Erde“, erklärte Svenja. „Jeder Mensch besteht aus zwei Teilen, der eine Teil ist sichtbar, das ist der Körper, und nur der ist tot. Aber dann gibt es noch den unsichtbaren Teil, also den Teil vom Menschen, den man nicht sehen kann, und der lebt weiter. Manche Menschen nennen ihn Seele.“
„Das Wort habe ich schon mal gehört“, rief Alexander. „Und mit diesem unsichtbaren Teil, da kann man sprechen, den kann man lieb haben, er hört es und spürt es, wenn wir zu ihm sprechen und da unsere Liebe hinschicken.“
„Du meinst, die Seele hat Ohren und Augen und so was?“ Alexander wollte es wieder mal ganz genau wissen. „Das braucht sie gar nicht, sie kann das, was Du sagen willst, oder was Du fühlst, oder von ihr denkst, auch so empfangen.“
„Das verstehe ich nicht“, sagte Alexander, „wie soll denn das gehen?“ „Es gibt viele Dinge, die ich Dir nicht so genau erklären kann, und trotzdem funktionieren sie. Denk doch mal an unser Radio. Irgendwo ist ein Sender und sendet was, Musik oder Stimmen, und das Radio, wenn Du es einschaltest, kann das empfangen, und Du kannst es hören.
„Dann muss Dunja also wie ein Sender sein, und ihre Oma wie ein Radio und dann kann sie verstehen, was Dunja sagt?“ wollte Alexander wissen. „Ja, so ähnlich funktioniert das, und vielleicht besuchst Du sie mal im Traum“, sagte Svenja.
Plötzlich hörte Dunja mit Weinen auf. „Das will ich heute Abend machen.
Ich bin ein Sender und Oma soll immer ihr Radio anhaben, damit sie mich hören kann.“ Als Dunjas Mutter kam, hatte sie sich wieder beruhigt.
Am nächsten Morgen fragte Alexander sie im Kindergarten: „Na, hast Du gesendet, gestern?“ „Ich habe sie im Traum besucht“, erzählte Dunja, „ und sie hat gelächelt und gesagt, dass sie ihr Radio für mich immer eingeschaltet hat.“ Und bei diesem Satz lächelte Dunja auch.
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