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Warteschlangen sind gar nicht doof

Warteschlangen

(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)

eine Geschichte vom Einkaufen und vom Warten

Svenja ging  mit Alexander, ihrem Sohn von fünf Jahren, wieder einmal einkaufen. In einem großen Supermarkt hatten sie einen Einkaufswagen ganz voll geladen mit Lebensmitteln, Blumenkohl und Milch, Butter und Käse, Kartoffeln und Äpfeln, Nüssen und Zwiebeln, Joghurt und Keksen und noch viel mehr. Endlich schob Alexander den Einkaufswagen zur Kasse. Eigentlich ging er gerne mit seiner Mutter einkaufen, aber heute war er sehr müde. Und an der Kasse warteten noch fünf Leute mit ihren Einkaufswagen vor ihnen. Das sah aus wie eine lange Schlange. „Oh, eine Warteschlange“, sagte Svenja. „Ja, leider“, sagte Alexander, „Warteschlangen finde ich doof.“ „Sind sie aber nicht“, widersprach Svenja, „sie sind eine Zeit für das Spiel der Wünsche.“

„Spiel der Wünsche?“, fragte Alexander, „was ist denn das?? Das kenne ich nicht.“ „Das ist ein Spiel, ganz ohne Spielsachen, man kann es sogar ganz alleine spielen“, antwortete Svenja, „aber jetzt spielen wir zwei es mal zusammen.

Das geht so: Wir schauen uns die Menschen an, die vor uns in der Warteschlange stehen, überlegen uns, was sie brauchen könnten, und dann wünschen wir es ihnen.“ „Und das macht Spaß?“, fragte Alexander ungläubig. „Aber ja doch“, lachte seine Mutter, „komm, wir probieren es mal.

Siehst Du den Mann dort, der gerade an der Kasse ist, er braucht einen Stock zum Gehen.“ „Da wünsch ich ihm gesunde Beine“, legte Alexander sofort los. „Und die Frau hinter ihm mit dem kleinen Mädchen, das immer so auf und ab hüpft?“ „Sie braucht viel Platz zum Spielen und Hüpfekästchen und Spielkameraden und…“, „und ihre Mutter gute Nerven“, ergänzte Svenja. „Und jetzt die Frau mit dem traurigen Gesicht“, fragte Alexander, „was braucht die?“ „Ihr wünsche ich, dass sie bald einen Menschen trifft, den sie lieb hat und der sie in den Arm nimmt“, sagte Svenja. „Dann ist sie bestimmt wieder froh“, meinte Alexander.„Und der Mann gleich vor uns, der mit der dicken Brille?“ „Dem wünsch ich gute Augen“ sagte Alexander, „oder, dass er alles sieht, was für ihn wichtig ist“, meinte Svenja.

 Inzwischen waren Svenja und Alexander an der Kasse angekommen. „Und was wünscht Du  mir?“ fragte die Kassiererin, die das Spiel mitbekommen hatte. „Ganz viel zu essen zu Hause, was Leckeres“, sagte Alexander. „Das wünsche ich Dir auch“, lachte die Kassiererin, „und noch viel Spaß bei Eurem Spiel.“

Als sie den Supermarkt verließen, meinte Alexander: “Die Zeit an der Kasse ist ja ganz schnell umgegangen, und es war gar nicht langweilig, das Spiel will ich noch oft spielen.“ Svenja musste noch zur Sparkasse, um Geld abzuholen. An einer Kasse warteten drei Leute, an der anderen fünf. Alexander zog seine Mutter zu der Kasse mit den fünf Leuten davor. “Mehr Zeit für unser Spiel“, meinte er. Und sofort ging es los. Als sie die Sparkasse verließen, hatte Alexander ganz fremden Leuten einen neuen Mantel gewünscht, einem Kind eine freundliche Mutter, einer Frau neue Schuhe. Svenja hatte einer Frau viel Geduld gewünscht, einem Kind Zärtlichkeit, einer alten Frau einen lieben Besuch und einem Ehepaar Frieden.

„Nach diesem Spiel habe ich ein ganz seltsames Kribbeln im Bauch“, sagte Alexander. „Das habe ich auch manchmal“, antwortete seine Mutter. „Ich glaube, es kommt daher, dass man nicht für sich selbst, sondern anderen Leuten was wünscht, da entsteht eine Art Strom, und der macht das Kribbeln.“ „Ja, irgendwie ist es ein angenehmes Kribbeln“, meinte Alexander.

„Ich muss Dir die Spielregeln noch genau erklären, wenn wir zu Hause sind“, sagte Svenja. Das konnte Alexander kaum abwarten. Endlich war es soweit.

„Dieses Spiel“, erklärte Svenja, „wird immer leise gespielt.“ „So dass es keiner hören kann?“ fragte Alexander. „Ja, genau, weil die Menschen nicht möchten, dass jemand über sie spricht. Und weil es einfach nicht in Ordnung ist, zu sagen, was einem Menschen vielleicht fehlt oder er noch gebrauchen könnte. Schließlich sehen wir ihn ja nur kurze Zeit, und wir können uns irren, vielleicht braucht er auch was anderes. „Also kann es auch falsch sein, mein Wunsch für ihn?“ fragte Alexander. „Falsch ist er nicht, wenn er wirklich aus Deinem Herzen kommt“, erklärte Svenja.“ Wie mach ich denn das?“ wollte Alexander wissen.“

„Ganz einfach, Du hast die Idee für einen Wunsch, das muss natürlich was richtig Gutes sein, und dann stellst Du Dir vor, diesen Wunsch in Dein Herz zu nehmen und von da aus zu senden, ich mach dabei immer die Augen kurz zu, das geht besser. „Mama, du hast eben ‚senden’ gesagt“, fragte Alexander, „sind wir dann so was, ich meine so ähnlich  wie ein Radio- oder Fernsehsender,  ein Gute-Wünsche-Sender?“

 „Ja, jetzt hast Du das Spiel verstanden“, freute sich Svenja. „Und die Menschen, die ihre Antenne auf „Empfang“ drehen, können die guten Wünsche empfangen.“ „ Gibt es denn noch mehr Gute-Wünsche-Sender auf der Welt?“ wollte Alexander wissen. “Ja, ich glaube, es gibt immer mehr davon“, Svenja war da ganz sicher. „Du kannst es ausprobieren. Wenn Du still wirst und in Dein Herz horchst, wirst du vielleicht auch mal Wünsche von anderen empfangen.“ „Das ist ja spannend.“
 
Alexander hatte an diesem Tag viel Neues erfahren. Und er nahm sich vor, immer, wenn er Zeit hatte und ganz besonders, wenn er irgendwo warten musste, an seinem Gute-Wünsche-Sender in seinem Herzen zu bauen.

Bald brauchte er dazu keine Warteschlangen mehr, sondern er konnte sich Menschen einfach so vorstellen, und er erfand Hunderte von guten Dingen, Gefühlen, Kontakten, die sie brauchen konnten und schickte sie los. Und dabei bekam er immer mehr Spaß an dem seltsamen Kribbeln im Bauch. Meistens schickte er jetzt seine Wünsche alleine los, doch manchmal, bei besonders großen und wichtigen Wünschen schickte er  sie zusammen mit seiner Mutter los. Sie fassten sich dabei an den Händen, machten die Augen zu, dachten an den Wunsch in ihren Herzen und los ging der Wunsch. Dann fühlte Alexander sogar das Kribbeln in seiner Hand, die in der Hand seiner Mutter lag, und dann wurde ihm ganz warm ums Herz.

 

 

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