
(Geschichte von Christa Wirth, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.)
Heute wirkte Alexanders Mutter wieder sehr müde, als sie von Einkaufen zurückkam. „Warum bist Du so müde, Mama?“ wollte Alexander wissen, „hast Du so viel eingekauft?“ „Nein“, antwortete Svenja, „ich habe nur wieder so viele Menschen gesehen, die nicht zu Hause waren.“ „Ist doch klar, dass sie nicht zu Hause sind“, warf Alexander ein, „wenn sie doch in der Stadt sind, sind sie nicht zu Hause.“
„Nein, so meine ich das nicht“, lachte Svenja, „ich meine damit, dass sie nicht in Ihren Körpern sind.“ „Nicht in ihren Körpern?“ wunderte sich Alexander. „Ja, ich habe Dir doch schon einmal erklärt, dass jeder Mensch zwei Körper hat, einen, den Du sehen kannst, und einen, den Du nicht sehen kannst.“ „Der heißt Seele, das weiß ich doch“, ergänzte Alexander.
„Und wieso nun nicht zu Hause?“ „Ja, ich habe wieder viele Menschen in der Stadt gesehen, die anscheinend nur in ihren Körpern herumlaufen und
deren Seele ganz woanders ist.“ „Und das kannst Du sehen?“ wunderte sich Alexander.
„Jeder kann das sehen“, erklärte Svenja, „Du auch. Du siehst es in ihren Augen, ob sie gerade zu Hause sind oder nicht, die Augen sind das Fenster zur Seele. Wenn die Seele also gerade zu Hause ist, dann strahlen die Augen und sind ganz wach und aufmerksam. Diese Menschen schauen Dich auch an, wenn Du Dich Ihnen näherst. Die anderen, die nicht zu Hause sind, da sind die Augen wie mit Fensterläden verschlossen, Du kannst nicht hineinsehen, obwohl sie offen sind.“ „Und davon waren ganz viele Menschen in der Stadt?“ fragte Alexander. „Ja, viele“, antwortete Svenja, „diese Menschen konnte ich alle nicht erreichen, und das macht mich manchmal ein wenig müde.“ „Und bei den anderen, die zu Hause sind?“ wollte Alexander wissen.
„Das sind die schönsten Begegnungen“, antwortete Svenja, „wenn sich zwei Menschen treffen, die beide zu Hause sind, dann findet ein Austausch statt, der beide reicher macht.“ „Aber sie haben dann doch nicht mehr Geld, oder?“ fragte Alexander. „Natürlich nicht, es entsteht ein anderer Reichtum.“ „Ach, Du meinst sicher die Dinge, die man nicht sehen kann, Freundschaft, Liebe und so?“
„Ja, jetzt hast Du mich verstanden. Treffen sich also zwei Menschen, die beide zu Hause sind, dann kann ein Austausch von Herz zu Herz stattfinden, und dann werden durch diese Begegnung beide reicher. Und manchmal träume ich davon, wenn ich ganz viele Menschen sehe, so wie heute in der Stadt, dass sie alle zu Hause sind und alle ganz reich werden.“
Alexander schloss für einen Moment die Augen, diesen Traum wollte er gerne gemeinsam mit seiner Mutter träumen. |